Sternenstaub

Ein Song von Glasperlenspiel ertönte aus den kleinen im Raum verteilten Boxen. Es war der Zeitpunkt erreicht, an dem zahlreiche Wein- und Bierflaschen die Macken und Abdrücke von Kaffeetassen vergangener WG-Generationen auf dem Massivholztisch nur noch erahnen ließen. Von der Küchenzeile aus quetschte sich mein Mitbewohner in Richtung unseres, auf dem Sperrmüll erbeuteten, Ledersofas und knallte etwas zu schwungvoll drei Shotgläser auf eine noch freie Stelle vor uns auf den Tisch.

Der Geruch von billigem Sauren stieg mir in die Nase und mein Körper stand schneller auf, als ich es zu diesem Zeitpunkt noch für möglich hielt. “Ich hab ‘ne Weile gebraucht um zu verstehen, dass die Zeit reif ist, um jetzt zu gehen!” hallte es mir nach, als ich mir eine Weinflasche schnappte und wie ferngesteuert das einzige verschont gebliebene Zimmer aufschloss. Als ich den Schlüssel von innen wieder umdrehte, stieg ein unglaubliches Verlangen nach frischer Luft in mir auf. Ich setzte mich auf den Stuhl unseres zweiten Balkons, der zum Hinterhof rausging. Nachdem der Docht einer uralten Kerze nach zahlreichen Versuchen irgendwie Feuer fing, verlor ich mich darin, der Musik zu lauschen und den Moment hier draußen zu genießen. Ich weiß nicht, wie lange ich hier saß, als sich Gitarrenklänge unter die inzwischen nicht mehr zu ertragenden Popsongs von drinnen mischten. Ich nippte an der Weinflasche und summte vor mich hin, um auf den Song zu kommen. Ein “alles egal” Gefühl breitete sich in mir aus und so stimmte ich etwas zu schief für meinen Geschmack in “Drops of Jupiter” ein. Der Stolz, in den höchsten Ton irgendwie reingeglitten zu sein, wurde durch ein apruptes Ende der instrumentalen Begleitung von purer Scham abgelöst. Typisch, dachte ich, jedes Fettnäpfchen mitnehmen.

Ein paar Minuten vergingen und ich wusste nicht genau, worauf ich eigentlich zu warten schien. Oben klapperte es und mich überkam ein merkwürdiges Gefühlschaos aus Spannung und Angst, als ich Schritte auf der, neben meinem Balkon liegenden, Feuerleiter wahrnahm. Von wegen “alles egal Gefühl”. War der Gitarrenspieler der neue Mitbewohner des Pärchens über uns? fragte ich mich. Die beiden Verliebten hatten, der regelmäßigen nächtlichen  Geräusche nach, ihre Qualitäten in anderen Dingen als der Musik.

Ich versuchte so klar wie möglich darüber nachzudenken, ob ich ihn/sie beim Einzug gesehen hatte. Insgeheim ärgerte ich mich darüber, so untrainiert zu sein, dass ich mich spätestens im zweiten Stock nur noch auf die Anzahl der noch folgenden Stufen konzentrieren kann und so in der Regel alles andere ausblende. Der Gedankengang endete, als durch den Lichtstrahl der Kopfschmerz-auslösenden Ikea-Kerze ein Schatten neben dem Balkon oben erschien. Ich schaute in ein zusammengekniffenes Augenpaar und spürte ein heftiges Ziehen in der Bauchgegend. Zugegenermaßen hätte ich ihn charmanter begrüßen können als mit  “Aha, der dritte im Bunde der multiplen Orgasmen!” aber die Kombi aus zu viel Wein und seinen unfassbar dunklen Augen verbannte meine sonst sehr toughe und kontrollierte Seite mindestens in den Keller des Wohnheims . Sein fragloser Blick machte es mir unmöglich, die Situation zu retten. Peinlich. Einfach nur peinlich. “Du bist inzwischen  Ü30, die Zeiten der Blamage beim Anblick eines Mannes liegen längst hinter dir.” flüsterte ich mir selber zu. Kurz darauf hörte ich ihn fragen “Warste schon mal da oben, Fräulein Nachbarin?” und meinte aus seiner Stimme etwas Verunsicherung herauszuhören. Kein Wunder, wenn man mitten in der Nacht einer Nachbarin sozusagen auf der Feuerleiter begegnet und sie etwas von Orgasmen faselt. “Letztes Jahr zum Semesterabschluss hat jemand oben illegalerweise eine Poolparty veranstaltet.” hörte ich mich sagen. Meine Stimme kam mir völlig fremd vor. Weg war er.

Ich stand da völlig planlos und schon zum zweiten mal in dieser Nacht schien es meinem Körper anders zu gehn. Er brachte mich inklusive inzwischen halb geleerter Weißweinflasche dazu, die Leiter hochzukraxeln. Uneleganter hätte man dabei nicht aussehen können, aber ich bin ja nunmal auch nicht Lara Craft. Wobei ich hierfür in diesem Moment sehr dankbar gewesen wäre. Ich weiß nicht warum, aber irgendwie hatte ich damit gerechnet, dass Mister Unbekannt mir von oben die Hand reichen würde. Das war wohl nichts. Langsam überkam mich ein merkwürdiges Gefühl hier oben auf dem Flachdach mit ihm alleine. In Gedanken hatte ich schon die schockierende Anzeige im Tagesblatt vor mir Studentin nach Party von Flachdach gestürzt. Der einzige Zeuge beschrieb sie als verrückt und betrunken. 

Da lag er. Auf einer von der Poolparty liegengebliebenen Strandmatten und schien mich nichtmal ansatzweise zu bemerken. Er schaute konzentriert in den Himmel und sagte ganz lässig das wohl berührendste zu mir, dass ich je gehört habe: “Genau das sind wir -Sternenstaub. Gibt es ein größeres Wunder? Wenn es doch so ist, dass in dir und mir ein Teil dieser Schönheit des Universums liegt, wie können wir dann nur jemals für einen Moment daran zweifeln, dass wir vollkommen sind?“.

 

Schlusswort: Man wundert sich, was plötzlich so entsteht, wenn man seinen ersten Urlaub ganz alleine verbringt. Dieser Text ist frei erfunden und ich möchte euch damit inspirieren, immer wieder das Wunder in euch und all den tollen Menschen um euch rum zu sehen. Wie oft ertappen wir uns selber in Denkmustern wie Wenn er/sie doch bloß …. wäre oder hätte oder wenn ich doch endlich … wäre oder hätte. Ich habe so ein unglaubliches Glück, von meiner Familie und meinem Freund geliebt zu werden und zwar so verrückt, gedankenverloren und feinfühlig wie ich bin . Als ich heute versucht habe aufzuschreiben, was ich an diesen Menschen schätze, ist mir wiedermal klar geworden, wie wundervoll jeder Einzelne von ihnen ist.

Was würde sich in deinen Beziehungen ändern, wenn du aufhörst, ständig etwas ändern zu wollen oder dich über kleine Macken zu beschweren? Muss immer erst dies oder jenes eintreffen, um glücklich zu sein? Muss ein Mensch eine Bedingung erfüllen, um vollkommen zu sein?

Es tut so gut, eine Liste über all die Kleinigkeiten zu schreiben, die du an dir liebst. Wie fühlt es sich an, wenn du die Zeit, in der du normalerweise Makel an dir fokussierst, einfach nutzt, um dir zu sagen, dass du genauso, wie du bist, ein Wunder bist?

Ich wünsche euch viel Spaß beim Switchen eurer Makel zu Sternenstaub!

 

 

 

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